Freiwassermuseum 2023: Erkundung neuer Tauchziele vor Rügen und Rostock
20. März 2024
Neben den Ausfahrten zur Besichtigung von ausgewählten archäologischen Befunden führen wir im Rahmen unseres Projektes Freiwassermuseum auch Erkundungstauchgänge durch. Ziel ist es dabei neue Tauchziele zu entdecken oder bereits bekannte Wracks auf ihre Eignung im Hinblick auf das Freiwassermuseum zu überprüfen. Jede dieser Ausfahrten ist ein kleines „Überraschungsei“, da von den Prüfpositionen häufig keine detaillierten Angaben existieren oder die Fundplätze lange nicht mehr kontrolliert wurden und die Erhaltungszustände ungewiss sind. Auf unseren Prüflisten vor Rostock und auf Rügen standen dabei in 2023 sehr unterschiedliche Befunde, welche das große Spektrum der Tauchziele und der umweltbedingten Herausforderungen in der Ostsee aufzeigten. Sie reichten von den im Sommer stark durch Algenwuchs geprägten flachen Gewässer in Ufernähe bis hin zu den schummrigen Tiefen des Arkonabeckens vor Rügen.

Die „Ramme“ trägt die offizielle Bezeichnung Rostock-West 5 und liegt nördlich der Stoltera, einer markanten Landspitze im Westen Rostocks. Das Wrack wurde 1995 durch die Bundesmarine entdeckt und besitzt eine markante Struktur. Die einstigen Bordwände sind im Wesentlichen vergangen, sodass die stählernen Spanten nun wie Krallen aus dem Seeboden ragen. Der Befund ist etwa 16 m lang und 8 m breit. Vor- und Achterschiff gleichen sich stark und es konnte bislang kein eigener Antrieb festgestellt werden, sodass von einer Art Ponton ausgegangen wird. Markant ist die mittschiffs erhaltene Doppelwinde.

Ein weiteres Wrack zum Genießen ist der „Seeleichter“. Hierbei handelt es sich um eine in mehrere Teile zerbrochene eiserne Bodenschale mit der offiziellen Bezeichnung Rostock-Ost 28. Das Wrack liegt nordöstlich von Markgrafenheide nahe Rostock und wurde 1997 im Rahmen der Luftbildprospektion entdeckt. Es liegt in relativ geringer Tiefe und ist daher ideal für die ersten Ostseetauchgänge. Durch die häufig guten Sichtbedingungen vor Ort bietet es den Tauchern trotzdem ein wunderbares Taucherlebnis, welches sich über drei Fundareale erstreckt und entsprechend viele Details zum Erkunden bietet. Da bislang weder Rester einer Schiffsmaschine oder Schiffsschrauben gefunden werden konnten, wird es aktuell als der Rest einer einstigen Schute oder eines Leichters interpretiert.

Einen thematischen Gegenpol zum obigen Wrack bilden die historisch interessanten Holzstrukturen, welche sich einige Kilometer westlich im Flachwasser vor dem Strand von Hohe Düne finden. Die Strukturen wurden 2013 im Verlauf von küstenparallelen Side-Scan-Fahrten entdeckt und durch Taucher der Gesellschaft für Schiffsarchäologie Rostock e.V (GfS) untersucht. Der Befund besteht aus einem Pfahlfeld, welches eine Fläche mit Reisigfaschinen umgibt. Dendrochronologische Untersuchungen an den Hölzern datieren diese Baustruktur in die zweit Hälfte des 15. Jahrhunderts. Historische Quellen beschreiben das Bauwerk und belegen, dass hier einst das Ufer verlief und man einen Durchbruch durch die Düne zwecks Küstenschutz verschließen wollte.

Einen starken Kontrast zu den hellen, lichtdurchfluteten Gewässern vor Rostock bilden die schaurig dunklen Tiefen des Arkonabeckens vor Rügen. Diese Bereiche sind den erfahreneren Tauchern vorbehalten und werden mit Gästen nur nach erfolgreichem Checktauchgang angefahren. Ein imposantes Taucherlebnis bietet das „Kesselwrack“ (Wittow 57). Bei diesem 1995 gefundenen Wrack handelt es sich um den rund 25 m langen und rund 7 m breiten Rest eines eisernen Schiffes. In den erhaltenen Rumpfteilen finden sich Trümmer der Schiffsmaschine sowie der Rest eines Schiffskessels. Dieser hat einen Durchmesser von rund 3 m und ragt rund 2,5 m vom Grund auf. Früher diskutierte man darüber, ob es sich hierbei um die Reste des Flottentorpedobootes T-34 handeln könnte, was mittlerweile jedoch widerlegt ist. Sehr wahrscheinlich entstammt das Kesselwrack aber ebenfalls dem Kontext des Zweiten Weltkriegs. Viele der im Verlauf des Krieges gesunkenen oder versenkten Schiffe wurden nach Kriegsende demontiert und abgewrackt. Entsprechende Spuren lassen sich an den vor Ort liegenden Resten noch erahnen.

Ebenso spannende Tauchgänge verspricht das „Vier Anker Wrack“. Es liegt nördlich der Halbinsel Wittow und wurde im Jahr 2003 im Rahmen technischer Ortung durch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie entdeckt. Das Wrack ist 30 m lang und 8 m Breit. Es wurde aus genieteten Eisenplatten hergestellt und ist sehr gut erhalten.

Im Bereich des Bugs ist eine mächtige Winde sowie der Ansatz des ehemaligen Bugspriets nebst zwei Ankern erkennbar. Das Achterschiff ist gerundet und gleicht in seiner Bauweise dem klassischen „Dampferheck“. Zudem sind in diesem Bereich Reste des alten Deckshauses erhalten. Unter dem Heck ist das Seitenruder erkennbar. Es fehlen allerdings alle Anzeichen für eine Schiffsmaschine. Aufgrund der auf den Decks erkennbaren Halterungen kann von drei Masten ausgegangen werden, sodass es sich einst wohl um ein reines Segelschiff gehandelt haben muss. Mitschiffs liegen die Luken der Laderäume offen und geben den Blick auf die Schiffsladung, vierkantig zugeschlagene Pflastersteine, frei.
