Schiffsarchäologisches Seminar in Rostock 2014
8. November 2014
Vom 18. bis 23. August 2014 führte die Rostocker Gesellschaft für Schiffsarchäologie e.V. das mittlerweile 15. Schiffsarchäologische Seminar durch. Hierbei erhalten archäologisch interessierte Tauchende Einblicke in die Arbeit der Forschenden in Theorie und Praxis. Die Module widmen sich der Aus- und Weiterbildung im Denkmalschutz, der Schifffahrtsgeschichte im baltischen Raum und den Dokumentationsmöglichkeiten unter Wasser.
Beginn war am Montag, 18. August, um 09:00 Uhr. Die Teilnehmer des 15. Schiffsarchäologischen Seminars trafen am Haus Störtebeker langsam ein. Einige waren bereits am Sonntag angereist und fanden in den Kojen des Jugendschiffes „MS Likedeeler“ unter dem Einfluss einer frischen Meeresbrise erholsamen Schlaf. Andere parkten nach 700 Kilometer Anfahrt gerade ihr Auto, angereist aus sämtlichen Ecken des Bundesgebietes. Die Gruppe bildete einen bunten und sympathischen Haufen aus Forschungs- und Sporttauchern. Alle vereinte ihr Interesse an Unterwasserarchäologie, Schiffswracks und neuen Herausforderungen bei der Ausübung Ihres Hobbys oder Berufes. Unter ihnen waren auch einige Mitglieder der unterwasserarchäologischen Vereine Mecklenburg-Vorpommerns, denn das 6-tägige Seminar dient in MV offiziell auch als Weiterbildung für den Status als „Ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger“.
Das Schiffsarchäologische Seminar wurde durch die Gesellschaft für Schiffsarchäologie e.V in maritimer Atmosphäre an ihrem Vereinssitz auf dem Gelände des „Jugendschiffes Likedeeler“ ausgerichtet. Die Kursleiter Henrik Pohl und Martin Siegel gaben nach einer Begrüßungs- und Vorstellungsrunde den groben Plan für die kommenden Tage bekannt. Flexibel, dem Wetter folgend, modular aufgebaut ermöglichte das Seminar allen Teilnehmenden Theorie und Praxis effektiv zu verzahnen. Da es zu Seminarbeginn gerade stürmte, eröffnete der Unterwasserarchäologe Henrik Pohl die Veranstaltung mit dem theoretischen Teil. Die Tauchenden lernten in den folgenden Unterrichtseinheiten Wissenswertes zu Schifffahrtsgeschichte im Ostseeraum und traditionellen Schiffsbauweisen. Mit diesen Erkenntnissen ist es später möglich, selbst bei stark erodierten Fundplätzen Aussagen zu Bauweisen und Schiffstypen zu treffen.

Eng verbunden mit der Schifffahrtsgeschichte sind kriegerische Auseinandersetzungen, besonders über Handel und Reiserouten der Transportfahrzeuge. Für ein Anlanden der Waren spielen historische Häfen eine große Rolle. In frühen Zeiten waren Städte im Binnen- oder hinteren Küstenland über den Landweg schwer zugänglich. Die großen, seegängigen Schiffe wurden daher auf Reeden oder in küstennahen Häfen geleichtert (umgeladen), um die Warentransporte mit flachgehenden Fahrzeugen stromauf fortzusetzen. Die „trockene“ Theorie wurde mit griffigen Fallbeispielen der Rostocker Schiffsarchäologen aus dem nahen Umfeld untermauert. Diese zeigten Wege zur Identifizierung von Schiffswracks, aber auch die Grenzen des Zusammenspiels zwischen Unterwasserarchäologie und aufwändiger Archivrecherche auf. Zudem verdeutlichten sie die langwierige Puzzlearbeit, um die Rätsel der Geschichte des historischen Rostocker Hafens aus dem Dunkel der Geschichte zurück ans Licht zu holen. Ein besonderes Augenmerk legten die Veranstalter dabei auf die Aspekte des Denkmalschutzes und denkmalgerechten Tauchens. Dem Seminarleiter Henrik Pohl lag es am Herzen den Seminarteilnehmern ein besseres Verständnis für die Sensibilität der Fundstellen unter Wasser zu vermitteln. Zudem, so Pohl, hoffe er „auf eine Multiplikatorenwirkung. Wenn die Teilnehmer ihre Erfahrungen nach Hause und in ihre Vereine tragen, haben wir viel im Sinne des Denkmalschutzes auch unter Wasser erreicht.“

Mit den ersten Vorbereitungen zur Praxis erreicht der Spannungsbogen für die Teilnehmenden einen ersten Höhepunkt. Nach einer Vorlesung über aktuelle Forschungs- und Dokumentationsmethoden mit modernster Technik, steht das Arbeiten der Taucher am Fundplatz im Mittelpunkt. Hierzu verlagert sich die Ausbildung an des Strand. Dort lässt sich die Theorie unmittelbar in praktischen Übungen anwenden. So erlernen die Teilnehmenden, wie ein Unterwasserdenkmal fachgerecht vermessen und dokumentiert wird. Dabei kommen die einfachen, aber effektiven Offset- und Trilaterationsmessungen zum Einsatz. Bei guter Planung ist es Tauchern damit möglich, einen Fundplatz genau zu erfassen. Schnell wird allen während der Trockenübungen am Strand bewusst, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist, damit unter Wasser dann alles klappt. Dort schränken die Umgebungsbedingungen erheblich ein, sodass keine Worte, oft nicht einmal Zeichen bei der Arbeit unter Wasser zur Verständigung genutzt werden können. Nun muss jeder Handgriff sitzen, das Dokumentationsmaterial mit Bedacht gewählt und die Aufgabenteilung bestens besprochen sein.

Nach drei Tagen Theorie und Übungen an Land waren die Tauchenden gut vorbereitet – der erste Einsatz konnte beginnen. Konzentriert planten die Tauchteams ihre Arbeiten bis ins Detail, die Materialien wurden gepackt und an der Ausrüstung befestigt. Dann am Tauchplatz die Rolle rückwärts vom Boot und hinab ging es in eine bequeme Wassertiefe von 9 Metern. Ziel war das Wrack eines kleinen Stahlschiffes in der Warnemünder Bucht. Mehr verrieten Martin Siegel und Henrik Pohl vorerst nicht. Die neuen Hobbyarchäologen vermaßen, zeichneten und ergänzten ihre Skizzen mit Fotos und Videosequenzen. Begleitet von den Kursleitern, die immer wieder überrascht waren, wie schnell sich aus den neu gewonnenen Bekanntschaften Taucherteams bildeten, die sehr umsichtig zusammen arbeiteten. Wieder an Bord des Forschungskutters war die Begeisterung spürbar. „Die Zusammenarbeit klappte richtig gut, wir hatten einen sehr effektiven Tauchgang“ meinte Robert, Tauchlehrer aus Bayern. Isabel, Studentin für Ägyptologie in Hessen begeisterte sich neben dem schönen Wrack für die zigtausenden Jungfische, für die der Fundplatz als künstliches Riff einen optimalen Lebensraum bietet. Die Tauchgruppen tauschten sich aus: Es ist ein Arbeitsschiff, knapp 16m lang, liegt mit leichter Neigung nach steuerbord auf Grund. Was waren das für Aufbauten? War der Motor noch zu sehen? Die Steuerbordseite war ja stark zerstört…
Auf der Rückfahrt klärte Martin Siegel auf: Es handelt sich um einen kleinen Schlepper, über 100 Jahre alt. Er wurde vielleicht einst noch von Dampf- auf Dieselmaschine umgebaut. Charakteristisch sei der markante H-Poller anstelle des heute üblichen Schlepphakens. Da sich selbst in den Archiven und Havariemeldungen keine Hinweise auf das Schiff oder den Untergang fanden, wurde bei vorausgehenden Untersuchungen eine Holzprobe der Inneneinrichtung entnommen. Deren dendrochronologische Datierung erbrachte ein Fälldatum um 1875 in Lappland…

Das im Jahr 2009 durch Mitarbeitende des Leibniz – Institutes für Ostseeforschung Warnemünde entdeckte Wrack sei eines der unrühmlichen Beispiele dafür, wie sorglos Taucher mit den Denkmalen umgehen. „Fanden wir bei der Erstdokumentation 2009 ein aufgeräumtes und unberührtes Schiffswrack, zeugen bis heute starke Zerstörungen von Eingriffen in die Wrackstruktur“, so der Forschungstaucher Siegel. Die Seminarteilnehmer konnten die Zerstörungen vor Ort selbst beobachten, waren bestürzt und erschrocken darüber, dass diese in knapp 5 Jahren durch Taucher verursacht wurden.

Zurück im Vereinsraum war noch lange nicht an Feierabend. Es galt, die Unterwasser-Dokumentationen aufzubereiten. Die Arbeitsskizzen wurden maßhaltig umgezeichnet, Fundplatzprotokolle ausgefüllt. Nach einem ereignisreichen und anstrengenden Tauchtag saßen die Teilnehmer bis in die Abendstunden an den Nachbereitungen ihrer Tauchgänge. Die neu gewonnenen Ergebnisse wurden in die Forschungen und Dokumentationen der Gesellschaft für Schiffsarchäologie einbezogen und dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege M-V übergeben.

„Ein wichtiges Ergebnis neben dem Denkmalschutzgedanken ist die Vermittlung der Tatsache, dass Unterwasserarchäologie sehr aufwändig ist. Alle Teilnehmenden erkannten, dass mit Vor- und Nachbereitungen der Tauchgänge viel Arbeit verbunden ist und die verbreitete Ansicht über das wissenschaftliche Tauchen oft romantisch verklärt wird“ so Siegel in der Abschlussrunde.
Das Feedback der Teilnehmenden fiel durchweg positiv aus. Das 15. Schiffsarchäologische Seminar bot sechs lehr- und ereignisreiche Tage und sicherlich trug der maritime Charme Rostocks am Standort an der MS Likedeeler sein Übriges bei.